Integration
15.04.2010
In andere Welten tauchen
Verständnis statt Vorurteile: Jedes Jahr lernen Polizisten im direkten Kontakt mit Migranten einen sensibleren Umgang miteinander.
Wie und warum funktionieren so genannte „Tandem-Projekte"?
Ein Afrikaner und ein Polizist spielen gemeinsam in einer Band. Ein Exekutiv-Beamter besucht den Roma-Ball, ein anderer feiert mit seinen neuen Freunden das kurdische Neujahrsfest. Sie alle haben einander einem in „Interkultur-Tandem" kennen gelernt.
An fünf Abenden kommen die Teilnehmer zusammen und führen gemeinsam ein Projekt durch. Damit will man Vorurteile auf „unkonventionelle Weise" abbauen. „Die meisten Polizisten haben negative Erlebnisse mit Migranten. Das bringt der Beruf eben mit sich", sagt Abteilungsinspektor und Tandem-Teilnehmer Gerhard Rubenz. „Durch den Lehrgang bekommt man mehr Verständnis für die Lebensweise, die Herkunft und die Kultur der Zuwanderer."
Bereits 11 Jahre im Lehrplan
Für die Polizisten gibt es außerdem Veranstaltungen zu den Themen Identität, Vorurteile, Diskriminierung, Sprachgebrauch und Zivilcourage. „Die Vortragenden sind zum Beispiel Universitätsprofessoren, muslimische Geistliche, Schriftsteller, Psychotherapeuten, Theaterpädagogen und Flüchtlingsbetreuer", erklärt Susanna Gratzl vom Internationalen Zentrum für Kulturen und Sprachen (IZKS). Das IZKS hat das Tandem-Angebot schon vor elf Jahren in den Lehrplan integriert.
Durch die Augen der anderen sehen
„Es gibt in vielen Ländern Tandem-Projekte. Besonders erfolgreich ist dieses Konzept in Bereichen, wo Aufgaben, Erwartungen und Rollen stark festgelegt sind, wie das auch im Polizeidienst der Fall ist", erklärt Migrationsforscher Christoph Reinprecht von der Universität Wien. Im Umgang mit dem Tandem-Partner können die Beamten ihre eigene Position reflektieren und sie lernen, sich in die Situation des anderen hineinzuversetzen.
Doch nicht nur die Teilnehmer selbst spüren die Veränderung. „Diese Beamten fungieren in ihren Dienststellen als Multiplikatoren", so Chefinspektor Rudolf Halwachs, zuständiger Projektleiter in der Sicherheitsakademie des Innenministeriums. Auch die Migranten profitieren von dem Projekt: „Sie lernen, ihre Angst vor der Institution Polizei – die häufig aus negativen Erfahrungen in ihren Herkunftsländern stammt – abzubauen, und erfahren Wertschätzung oder sogar Freundschaft, wo sie es am wenigsten erwartet hätten", sagt Maria Hirtenlehner, ebenfalls IZKS-Projektleiterin.
Das Angebot ist jedenfalls gefragt, denn jedes Jahr bewerben sich etwa 70 Polizis-ten für den Lehrgang. Die Anmeldefrist bei der Sicherheitsakademie beginnt im Juli. Ab Oktober werden dann wieder 25 Polizisten und 25 Migranten neue Welten kennen lernen.
Ursula Horvath

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