Ausgegliederte Unternehmen
15.04.2010
Tabellenkalkulation mit der Diddl-Maus
Es sind gut abgesicherte Daten, welche die marode Lage der Wirtschaft belegen. Daten, die von Statistik Austria zum Großteil selbst erhoben wurden. Insofern hat die Bundesanstalt die Krise im Haus. Aber bedeutet die Rezession auch ein Problem für die Erhebungs-Hochburg selbst? REPUBLIK kam zu einem überraschenden Ergebnis.
Die Diddl-Maus in Übergröße inmitten eines ganzen Zoos von Kuscheltieren. „You are my sunshine" klingt auf Knopfdruck aus der Sonnenblume, die daneben steht – nein, das Büro von Statistik-Österreich-Frontfrau Gabriela Petrovic entspricht so gar nicht dem, was man sich unter dem Arbeitsplatz eines Zahlenmenschen vorstellt. Und das nicht nur wegen Petrovic´ Sammelleidenschaft. Auch die unzähligen Papierstapel, die ein chaotisches Bild bieten, stehen in einem gewissen Widerspruch zur Ordnung statistischer Zahlenreihen. Petrovic grinst: „Viele sagen mir: So könnte ich nicht arbeiten. Ich antworte dann immer: Das müssen Sie auch nicht." Außerdem zählt schließlich nicht die Arbeitsweise, sondern das Ergebnis. Und das stimmt. So stellt der Rechnungshof, der die ausgegliederten Organisationen regelmäßig unter die Lupe nimmt, dem ehemaligen Statistischen Zentralamt ein gutes Zeugnis aus. Es sei gelungen, das Unternehmen zu modernisieren und die Personalstruktur anzupassen, heißt es.
Von der Krise hat Petrovic bisher wenig gemerkt. Das hängt natürlich stark mit der Rolle der Institution zusammen. Was genau zu tun ist, ist zum überwiegenden Teil gesetzlich fix vorgegeben und muss – so tief können die Steuereinnahmen gar nicht sinken – regelmäßig wiederholt werden. Etwa die Volkszählung oder die Außenhandelsstatistik. Alles, was durch die EU oder die einzelnen Ministerien da-rüber hinaus an Aufträgen anfällt, kommt durch die Rezession zögerlicher – aber dann doch. „Bisher hatten wir also nicht weniger Arbeit." Nur über den Preis der Aufträge müsse man härter diskutieren.
Nachsatz: „Aber auch uns hätte die Krise härter treffen können, wenn wir nicht mit Augenmaß veranlagt hätten." Die Ironie dabei: „Gerade dafür muss-ten wir Schelte einstecken und wurden gefragt, warum wir nicht mutiger sind, in Hedgefonds veranlagen et cetera. Jetzt bekommen wir Lob." „Keinen Groschen haben wir verloren," bestätigt Oskar Zimmermann-Meinzinger. Er ist Leiter des Finanz- und Rechnungswesens – eine Abteilung, die erst mit der Ausgliederung geschaffen wurde.
50,4 Millionen Fixum
Seit damals, dem Jahr 2000, lässt der Staat jährlich 50,4 Millionen Euro für Fixleistungen springen. Das allein wäre aber zu wenig für die Organisation mit ihren 841 Mitarbeitern. „Diese Pauschale ist sozusagen unser Haushaltsgeld", erklärt Petrovic, „ein Zusatzverdienst ist aber wichtig." Zumal der Fixbetrag seit 2000 nicht erhöht wurde. Extra-Einnahmen durch Aufträge von den Ministerien und der EU – 2009 machten sie 16 Mio. Euro aus – kommen da gerade recht. Ein Beispiel ist die erst kürzlich präsentier-
te Statistik über Green Jobs bzw. die Beschäftigungssituation im Bereich Umwelt.
Fragt sich, was die Statistik Austria mit dem Zubrot macht. Schließlich darf die Organisation nicht gewinnorientiert arbeiten. „Bleibt abzüglich der Kosten für die Auftragsabwicklung etwas übrig, bilden wir Rückstellungen für weitere Rationalisierungs- und Modernisierungsprojekte", sagt Petrovic. „Bevor wir das Geld dafür nicht beisammen haben, starten wir nämlich keines dieser Vorhaben", fügt Zimmermann-Meinzinger hinzu. Aktuell wird die veralterte Datenbank Isis gerade gegen das neue Modell – mit dem nicht gerade bescheidenen – Namen Superstar ersetzt. Eine kostenaufwändige Sache, die ein besseres Service für jene zuletzt 1.340 Kunden bringt, die kostenpflichtige Daten abrufen können.
Volkszählung neu
Modernisiert wurde auch die Volkszählung, die jetzt Registerzählung heißt und 2011 wieder ansteht. Dicke Fragebögen braucht der Bürger nicht mehr auszufüllen. „Wir sind diesbezüglich in Europa Spitze", sagt Petrovic, „denn die Regis-terzählung geht quasi auf Knopfdruck." Bereits vorhandene Daten werden dafür miteinander kombiniert. Das kommt der Statistik Austria billiger.
Andere Aufgaben sind schlichtweg unrentabel – etwa Sonderauswertungen für Unternehmen, also spezielle Erhebungen auf Basis schon vorhandener Daten. Petrovic: „Anbieten müssen wir sie trotzdem, das gehört zu unseren gesetzlichen Verpflichtungen." Darum beneidet Petrovic wohl kein Privatunternehmer. Um die Monopolstellung, die die Bundesanstalt bei vielen Aufträgen der Ministerien und der EU hat, schon eher. „Überall dort, wo der Bürger zur Auskunft verpflichtet ist, können Daten nur durch eine Bundesanstalt, nicht aber durch Markt- und Meinungsforschungsunternehmen erhoben werden", erklärt Alois Schittengruber, der Leiter für Rechts- und Vergabeangelegenheiten im für die Statistik Austria zuständigen Bundeskanzleramt.
Wucher?
In einem Artikel des Magazins „Format" kam die Statistik Austria kürzlich schlecht weg. Unter dem Titel „Die Teuersten" nannte das Wochenmagazin die Organisation „Spitzenreiter aller Beraterverträge". Petrovic dazu: „Wir sind kein Beratungsunternehmen und das Projekt, das hier als Beispiel genannt wurde, nämlich die Datenerhebung über die Einkommens- und Lebensbedingungen der Menschen in Österreich, kann von einem Beratungsunternehmen auch gar nicht durchgeführt werden." Wäre da noch die Frage, ob der Auftraggeber dafür zuviel bezahlt. Alois Schittengruber vom Bundeskanzleramt verneint. Begründung: „Der Wirtschaftsrat kontrolliert stets, ob der Preis korrekt kalkuliert wurde."
´
Andrea Krieger
WISSEN

„Auch uns hätte die Krise stärker treffen können, wenn wir nicht mit Augenmaß veranlagt hätten.“ Gabriela Petrovic, kaufm. Generaldirektorin
Im Jahr 2000 wurde das Österreichische Statistische Zentralamt ausgegliedert und in eine selbständige nicht gewinnorientierte Organisation Öffentlichen Rechts mit dem Namen „Bundesanstalt Statistik Österreich (STAT)“ umgewandelt. Gängiger ist heute die Bezeichnung „Statistik Austria“.
Deren Aufgaben sind die Erhebung, Sammlung, Analyse und Veröffentlichung amtlicher Statistiken für Österreich und die EU, sofern dies österreichische Daten betrifft.
50,4 Mio. Euro bekommt die Organisation jährlich fix vom Staat für gesetzlich vorgeschriebene Datenerhebungen, für zusätzliche Aufträge von Ministerien und der EU gab es zuletzt 16 Millionen.
Mit Konrad Pesendorfer hat die Statistik Austria seit Kurzem einen neuen fachstatistischen Generaldirektor. Die kaufmännische Leitung hat bereits seit der Ausgliederung 2000 Gabriela Petrovic übernommen. Seither wurde mit SAP-R3 ein kaufmännisches Rechnungssystem eingeführt und eine Controlling- und Kostenrechnungsstelle geschaffen. Hohe Einsparungen gelangen durch die Übersiedlung der Zentrale nach Wien-Simmering, Automatisierungen und Personalabbau. So wurde die Zahl der Mitarbeiter von 1.095 auf 841 Mitarbeiter reduziert. „Auf unblutige Weise“, wie Petrovic betont – durch Abgänge in die Pension und die einvernehmliche Lösung von über 125 Dienstverhältnissen.

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