Europäische Union
15.04.2010
Alle mal zuhören!
Die Generaldirektionen Übersetzung und Dolmetsch der EU-Kommission übersetzen hunderttausende Seiten heikler Rechtstexte und dolmetschen jedes Jahr tausende Ministerräte, Kommissionssitzungen und Konferenzen. Durch die laufende Ausweitung der EU-Kompetenzen nimmt auch die
Arbeit ständig zu. Bei dieser Mammutleistung greifen die Dienste der EU-Kommission zunehmend auf EDV-Unterstützung zurück.
Die Europäische Union ist ein Projekt, wie es so noch nie da gewesen ist. 27 Mitgliedsländer müssen sich ständig auf gemeinsame Gesetze einigen, der Euro steht als gemeinsame Währung gerade vor seiner schwierigsten Prüfung. Die Herausforderungen beginnen jedoch weitab der gängigen Schlagzeilen – etwa darin, den Apparat EU in 23 Amtssprachen zu organisieren. Verantwortlich dafür zeichnen in der EU-Kommission die Generaldirektionen Übersetzung und Dolmetsch. Die eine arbeitet an der schriftlichen Übertragung von Dokumenten in die unterschiedlichen Amtssprachen, die andere sorgt dafür, dass Verhandlungen, Konferenzen und Sitzungen in zahlreichen Sprachen geführt werden können.
Klar sei, dass ein Übersetzer den Text auch verstehen muss, den er bearbeitet, erklärt Andrea Dahmen von der Generaldirektion Übersetzung. Als Unterstützung dienten zunehmend Computerprogramme. So gleicht die EDV bei Texten, die verändert aus dem Rat oder dem Parlament zurückkommen, ab, welche Teile gleich geblieben sind. Auf verschiedenen Fenstern des Bildschirms kann man dann die Bausteine überprüfen. Immer wieder ändern sich im Laufe des Entstehungsprozesses nämlich nur einzelne Zahlen oder Wörter.
Eine vollautomatisierte Übersetzung durch EDV-Programme könne aber niemals die menschliche Dimension ersetzen, sagt Dennis Abbott, der Sprecher der zuständigen EU-Kommissarin Androulla Vassiliou. Denn die Bedeutung der Worte liege oft in Nuancen, die nur jemand transportieren könne, der die Sprache wirklich gut kenne. „Es ist extrem heikel: Ein falsches Wort oder ein falscher Kontext kann die Richtung vollkommen ändern." Gerade bei Gesetzestexten, wo über jeden Beistrich zwischen den Mitgliedsstaaten und mit dem EU-Parlament verhandelt wurde, dürfe es keine missverständlichen Sprachversionen geben.
24 Stunden bis drei Wochen
Eine Durchschnittszeit für die Übersetzung in alle 23 Amtsprachen könne wegen der völlig unterschiedlichen Dokumente nicht angegeben werden, meint Dahmen.
Pressemitteilungen können meist innerhalb eines Tages – längstens aber innerhalb von 48 Stunden – in alle notwendigen Sprachen übersetzt werden. Dringende Briefe werden erst bloß zusammengefasst und danach nur wenn nötig voll übersetzt. Bei Freihandelsabkommen über mehr als tausend Seiten, dauere es auch schon einmal drei Wochen. Dann arbeiten fünf Experten pro Sprache mit Hochdruck an den Endfassungen. Neuester Schrei bei der technischen Unterstützung sind im Übrigen Computer mit Spracherkennung, denen die Übersetzer die Texte nur noch diktieren. Diese Technologie sei jedoch erst in der Testphase, sagt Dahmen: „Wenn die Kollegen einen Schnupfen haben, versteht sie das Programm nicht mehr."
Undeutliche Redner zählen auch zu den besonderen Herausforderungen für die Dolmetscher der EU-Kommission, wie Jasminka Derveaux erzählt. Die Österreicherin dolmetscht aus den Amtssprachen Französisch, Italienisch, Niederländisch, Englisch, Spanisch, Tschechisch und Slowakisch sowie den Nicht-EU-Sprachen Serbisch und Kroatisch ins Deutsche. Besonders schwierig seien Delegierte, die nicht Englisch als Muttersprache haben und eine Rede, die jemand anderer geschrieben hat, auf Englisch ablesen, meint sie. Einfacher sei es bei einer frei gesprochenen Rede, wo sich der Dolmetscher in den Vortragenden hineinversetzen könne.
„Arbeit wird intensiver"
Intensiver sei die Arbeit in den letzten 20 Jahren geworden, weil die Themen durch die immer neuen Zuständigkeiten der EU stets mehr werden, sagt Derveaux. Von jedem müsse der Dolmetscher zumindest eine Ahnung haben, um eine korrekte Simultanübersetzung gewährleisten zu können. Vor allem recht technische Verhandlungen über Finanzmarktregulierung oder Umweltthemen hätten es in sich.
Zugenommen habe durch die Erweiterungen auch die so genannte Relaistechnik: Wenn der Redner eine Sprache spricht, die niemand in der deutschen Kabine versteht, wie es etwa häufig bei Finnisch der Fall sei, wird die Übersetzung der englischen oder französischen Kollegen als Basis genommen. Gängig sei unter Dolmetschern, dass sie zumindest vier Sprachen perfekt verstehen, so Derveaux. Die Möglichkeit, in der EU immer neue Sprachen lernen zu können, habe die Arbeit für sie attraktiv gemacht.
„Wir ermutigen junge Menschen, Sprachen zu lernen", sagt Kommissarin Vassiliou zu REPUBLIK. „Die Berufssparte der Dolmetscher und Übersetzer bietet fantastische Jobangebote. Der Bereich wächst und ist von der Wirtschaftskrise bisher nicht betroffen. Die EU-Kommission will nicht nur neue Leute rekrutieren, sondern die besten verfügbaren."
Richtige Balance nötig
Denn „wir haben die rechtliche Verpflichtung, offizielle Dokumente wie Richtlinien, Verordnungen und wichtige Strategiepapiere in allen Amtssprachen zu veröffentlichen." Jeder EU-Bürger habe zudem das Recht, Anfragen in einer Amtssprache seines Landes zu stellen und in dieser auch die Antwort zu erhalten. Bei internen Papieren benützt die EU-Kommission die drei Arbeitssprachen Englisch, Französisch und Deutsch. Auch manche öffentlichen Dokumente werden nicht in alle 23 Sprachen übersetzt, sondern nur in die benötigten: „Wir müssen eine vernünftige Balance finden, ansons-ten müssten wir eine halbe Million Übersetzer anstellen", so Vassiliou.
Und heute kommt die Kommission mit rund 1.500 Übersetzern und an die 600 Dolmetscher aus, um den Anforderungen der EU-Ratsverordnung Nummer 1 zu entsprechen. Sie regelte 1958 erstmals die Anwendung der Sprachen in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Von den damaligen vier Amtssprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Niederländisch wurde die Verordnung mit jeder Erweiterung angepasst: Zuletzt sind 2007 Bulgarisch, Rumänisch und Gälisch, die ursprüngliche Muttersprache der Iren, dazugekommen. Zur Unterstützung werden laufend auch Aufträge an externe Sprachexperten vergeben.
Wolfgang Tucek
WISSEN
Mehrsprachigkeit habe mehrere Komponenten, erläutert Sprecher Dennis Abbott: Kommissarin Vassiliou arbeite erstens an der Verwirklichung des EU-Ziels, laut dessen jeder EU-Bürger neben seiner Muttersprache zwei weitere Sprachen können soll. Zweitens gehe es darum, die Koexistenz der 23 Amtssprachen und der rund 60 Minderheitssprachen in der Union zu gewährleisten. Denn diese Vielfalt spiegle die Realität der EU wider. Und drittens müsse eben eine funktionierende Verwaltung in zahlreichen Sprachen gewährleistet werden.
Dafür hat die Generaldirektion Übersetzung der EU-Kommission allein im Vorjahr Schriftstücke im Umfang von mehr als 1,6 Millionen Seiten in andere Sprachen übertragen. Der Dolmetschdienst verweist auf 50 bis 60 Sitzungen pro Tag, bei denen seine Dienste für die Durchführung mehrsprachiger Veranstaltungen unbedingt notwendig sind. Um das zu bewältigen, müssen täglich 300 bis 400 freiberufliche Dolmetscher zur Unterstützung herangezogen werden. Die Sitzungen und Konferenzen haben völlig unterschiedliche Sprachregimes. Bei manchen reichen schon zwei Sprachen und daher ein einziger Dolmetscher. Am anderen Ende steht eine Simultanübersetzung aus 20 in 20 Sprachen, wofür mindestens 60 Dolmetscher notwendig sind.

Werbung





Drucken
Empfehlen
Kommentieren
Share


