Völlige Erschöpfung gepaart mit einer Portion Zynismus und dem Verlust des Selbstvertrauens: Diese Teufelsmischung nennt sich „Burn-out" und betrifft laut ÖGB jede zwölfte Arbeitskraft. Staatsdiener müssen zwar anders als privat Beschäftigte in der Wirtschaftskrise nicht um ihre Jobs bangen. Mehr Arbeit wartet aber auch auf sie. Außerdem gibt es im Öffentlichen Dienst viele Berufsgruppen, die per se ein höheres Risiko tragen auszubrennen. Traurige Spitzenreiter sind die Lehrer und Angehörige der Gesundheits-, Pflege- und Sozialberufe. In diesen Bereichen gehen Experten davon aus, dass beinahe jeder Dritte gefährdet ist. Denn überall, wo es um die Betreuung von Menschen geht, kann man sich theoretisch nie genug engagieren.
Das führt Schritt für Schritt zu Überforderung und einem Gefühl des Ausgelaugtseins. Egal ob es sich nun um den Umgang mit Alten, Kranken, Kindern oder Jugendlichen handelt. Stress und
problematische Arbeitszeiten tun das Übrige, sei es in Form starker Stoßzeiten mit 60 Wochenstunden wie bei den Lehrern oder durch Schichtarbeit, wie sie in den Spitälern oder bei der Polizei Usus sind.
Lehrer besonders gefährdet
Hinzu kommt, dass im Öffentlichen Dienst öfter als in der Privatwirtschaft gemobbt wird – betroffen ist jeder Siebte. Burn-out ist häufig eine Spätfolge von Mobbing. Beliebt ist etwa die Taktik, jemanden aufs Abstellgleis zu stellen. „Ich höre immer wieder von sehr qualifizierten Personen, denen keine Arbeit mehr zugeteilt wird", sagt Christine Gubitzer, Vize-Chefin der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) und Mobbing-Expertin. Sinnloses Herumsitzen, auch „Bore-out" genannt, führt in diesem Fall schleichend zur Erschöpfung.
Die meisten Fälle sind aber anders gelagert: Eine lang andauernde Überforderung führt zum Infarkt der Seele. Diese ist zwar beileibe nicht immer, aber doch oft hausgemacht. Denn das Burn-out-Syndrom trifft bevorzugt die Engagiertes-ten. Irgendwie logisch: Wer ausbrennt, muss schließlich einmal gebrannt haben. „Gerade jene Lehrkräfte, die sich über-mäßig mit ihrer Arbeit identifizieren, sind gefährdet", skizziert etwa Walter Herzog vom Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Bern das typische Burn-out-Opfer. „Solche Lehrer neigen dazu, sich stark zu verausgaben und eigene Bedürfnisse zurückzustellen." Hinter
dem Übereifer steckt nicht selten ein geringer Selbstwert, der die Betroffenen von der Zuwendung anderer abhängig macht: Sich abzugrenzen und auch einmal „Nein" zu sagen, wird auf diese Art unmöglich.
Frührente
Oft führt das Burn-out in die vorzeitige Pension. Fast die Hälfte der Beamten der Stadt Wien geht aus gesundheitlichen Gründen früher in die Rente und Burn-out ist neben Rückenleiden ein häufiger Grund dafür. „Wir haben hier eben viele Berufssparten mit Belastungen, die mit der Privatwirtschaft nicht vergleichbar sind", sagt Wolfgang Fichtner von der MA 3, der Abteilung für Bedienstetenschutz und berufliche Gesundheitsförderung. Er verweist auf „die Dreifachbelastung durch Schichtdienste sowie hohe psychische und physische Beanspruchung".
Besonders gefährdet seien unter den Magistratsbediensteten der Pflege- und Rettungsdienst sowie die Sozialarbeiter. Die 2006 gegründete Magistratsabteilung versucht, auf dreierlei Art gegenzusteuern. „Erstens stößt jeder Mitarbeiter, sobald er auf seinem PC in das Intranet schaut, auf Burn-out-Präventions- und Stressabbau-Seminare. Zweitens halten Arbeitsmediziner ihre Augen nach gefährdeten Personen offen. Für den Notfall existiert schließlich eine kostenlose und anonyme Beratungsstelle, an die man sich jederzeit wenden kann", so Abteilungsleiter Fichtner. Ein Gutteil der 2009 geführten 1.400 Beratungsgespräche betraf denn auch Burn-out. „Notfalls kommen wir auch vor Ort", sagt Fichtner und erinnert sich an einen Mitarbeiter in akuter Selbstmordgefahr.
Dienstgeber in die Pflicht nehmen
Für das Spitalspersonal hat der Wiener Krankenanstaltenverbund ebenfalls eine eigene zentrale psychologische Servicestelle eingerichtet. Zu wenig, findet Johann Hable, Vorsitzender der Gesundheits- und Sozialberufe in der GÖD und wünscht sich eigene Burn-out-Anlaufstellen in den Spitälern selbst, aber auch mehr Bewusstsein für dieses Problem bei den Chefs. „Oft genug bringen Führungskräfte Ausgebranntsein mit mangelnder Belastbarkeit in Verbindung", sagt der Gewerkschafter und ärgert sich. Auch Spitzengewerkschafterin Gubitzer nimmt den Dienstgeber in die Pflicht: „Der muss seine Verantwortung für die Gesundheit der Mitarbeiter wahrnehmen und achten, dass diese auch auf sich selber schauen. Schließlich ist der Dienstgeber ja der Nutznießer einer gesunden Arbeitskraft." Natürlich sei das Wissen, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, gerade in Krisenzeiten ein hoher Wert. „Aber das allein ist zu wenig."
Dass es auch anders geht, beweist eine neue Initiative des Finanzministeriums, wo Burn-out ebenfalls ein großes Problem darstellt. Dort erarbeitet man gerade eine Richtlinie für Führungskräfte. Den Chefs wird darin nahegelegt, auf die Belastungsgrenzen der Mitarbeiter zu achten, eine etwaige Tendenz zur Erschöpfung gezielt anzusprechen, ausreichende Pausen zu gewährleisten und Sozialkontakte im Team zu fördern.
Die Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter (BVA) ortet Handlungsbedarf. „Wir wollen in absehbarer Zeit die betriebliche Gesundheitsförderung auch im Bezug auf die psychische Gesundheit ausweiten", sagt Peter Fieber von der Sektion Unfallverhütung und Öffentlichkeitsarbeit. Die BVA tut gut daran, denn seelische Probleme sind drauf und dran, die Beschwerden des Bewegungsapparates als wichtigste Krankheitsursache und Grund für Frühpensionierungen abzulösen. Welche Maßnahmen konkret gesetzt werden, kann die BVA aber noch nicht sagen. Dazu müssten sich erst alle Beteiligten auf eine Strategie einigen.
Lehr-Beispiel
Bei den Pädagogen ist man das Problem längst angegangen – und zwar auf ebenso kreative wie innovative Weise. Iris Schrittesser, Leiterin des Instituts für Bildungswissenschaften der Universität Wien, streicht als Beispiel für eine gelungene Burn-out-Prävention die mittlerweile über hundert COOL-Schulen in Österreich heraus. COOL steht für „Cooperatives Offenes Lernen". Die Lehrerinitiative setzt auf mehr Selbständigkeit, Eigenverantwortlichkeit und Kooperationsfähigkeit. „Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass Lehrer dort signifikant zufriedener sind, wo sie viel im Team arbeiten, gemeinsam Stundenvorbereitungen erarbeiten, sich gegenseitig im Unterricht besuchen und Supervisionsrunden organisieren", sagt Schrittesser. Ein solcher Unterricht gefalle auch den Schülern besser, was sich wiederum in einem besseren Schulklima niederschlage.
Letztlich muss das Problem Burn-out auch Eingang in die pädagogische Ausbildung finden. „Angehende Lehrer sollten mit den psychischen Gefahren ihres Berufes vertraut gemacht werden", sagt Professor Herzog von der Uni Bern. Und vielleicht wird Work-Life-Balance ja eines Tages sogar ein Unterrichtsfach. Davon würden sicher alle profitieren.
Andrea Krieger
Betroffene können sich an diese Stellen werden:
- Burn-out-Beratung der Arbeiterkammer Tel. 05/7799 2494
- Burn-out-Hotline des Instituts für PsychosomatikTel. 0650/983 00 82
- Psychologische Beratungsstelle für Wiener Magistratsmitarbeiter
Hermanngasse 24-26, 1070 Wien, Tel. 01/4000-75 868
- Psychologische Servicestelle des Krankenanstaltenverbundes, Schnirchgasse 12, 1030 Wien, Tel. 01/40 409-7066

Burn-in statt Burn-out Viele Konflikte und Engpässe im schulischen Alltag haben sich verschärft. Mit ein Grund, warum stolze 30 Prozent der Lehrer burn-out-gefährdet sind. Was alles zur Vorbeugung beitragen kann, darum geht es beim Vortrag „Burn-in statt Burn-out“ im Rahmen eines Symposions des Europäischen Forums Alpbach in Wien. Wie der Veranstaltungstitel „Bildungspolitik braucht Inhalte“ bereits verrät, ist das Symposium aber thematisch weiter ausgelegt. Internationale Fachleute referieren zu diesen Schwerpunkten: Vorschulische Bildung und Elternarbeit, Lehrerkarrieren und Rollenbilder, Verstehenskultur vs. Lernkultur sowie Bildungspolitik auf europäischer Ebene.
Veranstaltungsort ist diesmal nicht das berühmte Tiroler Bergdorf, sondern die barocken Prunkräume des Wiener Museumsquartiers. Es sprechen Kapazunder wie Walter Herzog von der Abteilung Pädagogische Psychologie des Instituts für Erziehungswissenschaft von der Universität Bern sowie Ilse Schrittesser, Leiterin des Instituts für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Schrittesser wird ein viel versprechendes Projekt des Unterrichtsministeriums zur Burn-out-Prävention vorstellen. Nur so viel sei verraten: Es heißt Epik, was für Entwicklung und Professionalisierung im internationalen Kontext steht.
Symposium: „Bildungspolitik braucht Inhalte“
Datum: 10./11. Mai 2010
Ort: Museumsquartier, Barocke Suiten,
Museumsplatz 1, 1070 Wien
Weitere Infos und Anmeldung:
Europäisches Forum Alpbach
Barbara Ruhsmann:
T 01 / 718 17 11-20
E
barbara.ruhsmann@alpbach.orgwww.alpbach.org Die Teilnahme ist kostenlos, Anmeldung jedoch Pflicht.