Forschung und Innovation
15.04.2010
Forscher am Wort
Daran besteht kein Zweifel: Forschung und Entwicklung sind eine unverzichtbare Basis für eine positive wirtschaftliche Zukunft der EU. Das propagieren alle einschlägigen Strategiepapiere aus Brüssel. 54 Mrd. Euro sind im EU-Rahmenbudget von 2007 bis 2013 für das 7. Rahmenforschungsprogramm vorgesehen. Die Zuteilung der Mittel ist hochkomplex. Es gilt die Balance zwischen möglichst einfacher Verfügbarkeit für zukunftsweisende Forschungsprojekte und korrekter Abwicklung zu finden.
Und grundsätzlich ist die Beteiligungsquote Österreichs ziemlich gut. Die bisherigen Rückflüsse im aktuellen Rahmenprogramm betragen 130 Prozent der nach Brüssel überwiesenen Gelder, wie Sabine Herlitschka von der österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG erzählt. Das sei noch eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vorgängerprogramm, bei dem der Rückfluss immerhin schon bei 117 Prozent gelegen habe.
Zu strenge Kontrolle?
Doch neige die EU-Kommission derzeit eher dazu, Antragsteller immer schärfer zu kontrollieren, anstatt eine Vertrauensbasis mit den Forschern aufzubauen. „In den letzten Jahren ist der Detaillierungsgrad der Regeln immer größer geworden", moniert die FFG-Bereichsleiterin für europäische Programme. Er ähnle beinahe einem Beschaffungsprozess: „Es ist wie wenn Sie einen Tisch bestellen, dessen Farbe, Ausmaße und Materialien genau vorgegeben sind." Doch so könne man mit Forschung nicht umgehen. Der Fokus müsse weniger auf die Input-Indikatoren wie zu erwartende Personalmonate, sondern mehr auf den Output wie möglicherweise bahnbrechende Forschungsergebnisse gelegt werden, so Herlitschka.
„Forschungskommissarin Maire Geoghegan-Quinn kennt diese Thematik und hat sich bei ihrer Anhörung vor dem Europäischen Parlament persönlich zur Vereinfachung der EU-Forschungspolitik verpflichtet", entgegnet der stellvertretende Generaldirektor für Forschungspolitik in der EU-Kommission, Wolfgang Burtscher. Die Kommission werde noch heuer einen Vorschlag für den Umgang mit dem „tolerablen Fehlerrisiko" präsentieren, um diesen Bedenken Rechnung zu tragen. Das findet Herlitschka besonders bemerkenswert, weil Geoghegan-Quinn zuvor Mitglied des Europäischen Rechnungshofs war. Der hatte den EU-Forschungsförderungen bei der Überprüfung 2009 das Prädikat „Grün" für eine zu mehr als 98 Prozent fehlerfreie Abwicklung verliehen.
Know-how-Hürde
Und derzeit gebe es ganz klar eine Know-how-Hürde bei der Teilnahme an den EU-Programmen, erklärt Bernhard Koch vom Forschungsservice der Universität für Bodenkultur in Wien (Boku). „Ohne Erfahrung mit den Rahmenforschungsprogrammen oder externer Hilfe von Experten ist eine erfolgreiche Bewerbung ein ziemlich mühsames Unterfangen." Keineswegs bedeute der komplexe Antragsprozess aber, dass nur ein etablierter Klub von erfahrenen Forschungseinrichtungen zum Zug komme. Anfänger könnten auf die Erfahrung der WKO oder der FFG zurückgreifen. Und in der EU gebe es so viele Bewerber und ein objektives Bewertungssystem für die Projekte, dass eine Abschottung gar nicht möglich sei. Die zentrale Zuteilung habe auch den Vorteil, dass Förderungen für Forschungsprojekte, die parallel zum selben Thema laufen, minimiert werden.
Dabei zahlt sich die Einbeziehung der FFG aus: An die 8.000 Beratungen führten sie und ihre 45 Mitarbeiter pro Jahr durch, sagt Herlitschka. Auf 1.137 Beteiligungen an 813 internationalen Forschungsprojekten könnten österreichische Bewerber unter dem 7. Rahmenforschungsprogramm seit 2007 verweisen. Bei knapp 80 Prozent der erfolgreichen Bewerbungen heimischer Projektkoordinatoren habe die FFG mitgeholfen. Die Erfolgsquote der betreuten Anträge liege mit etwa 30 Prozent doppelt so hoch wie der EU-Schnitt. Der österreichische Anteil an den bisherigen EU-Förderungen betrage 342 Mio. Euro bei einem Gesamtfördervolumen von 3,1 Mrd. aus der EU-Kassa. Dennoch verlangt Herlitschka eine „Art Kulturwechsel" für die Zukunft, das 8. Rahmenforschungsprogramm. Dafür hat sie die Initiative Trust-Researchers (www.trust-researchers.eu) ins Leben gerufen, bei der die unmittelbar Betroffenen, nämlich die Forscher selbst, zu Wort kommen sollen. Auf mehr als 7.000 Unterschriften konnte sie Mitte März verweisen.
Europa 2020
Zudem müssten Zukunftsthemen wie Wettbewerbsfähigkeit, Wissensgesellschaft, Reaktion auf die Alterung der Bevölkerung und grüne Technologien künftig eine wesentliche Rolle spielen, fordert Herlitschka – Bereiche, die auch in der Kommissionsvorlage für die künftige Wirtschaftsstrategie der Union mit dem Namen „Europa 2020" eine bestimmende Position einnehmen. „Verbesserungen im 8. Rahmenforschungsprogramm sind Teil der generellen Überlegungen für die Finanzplanung der EU ab 2013", sagt Burtscher. „Es liegt auf der Hand, dass die Vorgaben von ,Europa 2020’ dabei maßgeblich im Auge behalten werden müssen."
Wichtige Vereinfachungen habe es bereits im 7. Rahmenforschungsprogramm gegenüber dem sechsten gegeben, erläutert der EU-Spitzenbeamte: „Einerseits wurde ein Garantiefonds eingeführt, der erlaubt, dass die Prüfung der Zuverlässigkeit von Antragstellern nicht mehr so in die Tiefe gehen muss, wie zuvor. Andererseits wird auf die Zertifizierung durch Audit-Unternehmen in einem gewissen Bereich zu Gunsten der Antragsteller verzichtet."
Einfachere Handhabung
Tatsächlich sei der Wegfall der Rechnungsprüfungspflichten für Beträge bis 375.000 Euro geförderten Kosten pro Konsortiumspartner eine wichtige Neuerung, bekräftigt Boku-Experte Koch. Von den Vorgaben des 6. Rahmenforschungsprogramms hätten vor allem die Wirtschaftsprüfer profitiert. Eine ganz klare Verbesserung sei auch die schrittweise Elektronisierung der Prozesse.
Der Fortschritt beginne bereits bei der eindeutigen Identifizierung von Instituten oder Unternehmen durch den so genannten Participant Identification Code (PIC). Bis zu dessen Einführung sei die Boku unter bis zu 15 verschiedenen Namen geführt worden – in unterschiedlichen Sprachen oder mit verschiedenen Abkürzungen versehen. Das habe „entsprechende Schwierigkeiten in der Kommunikation mit der EU" zur Folge gehabt. Recht unkompliziert könnten die Koordinatoren von Forschungskonsortien jetzt die Teilnehmer per PIC eingeben. „Das vereinfacht den weiteren Prozess signifikant", so Koch.
Die mit der EDV zunehmende Standardisierung der Anträge schaffe auch gleiche Chancen für Forschungseinrichtungen in der ganzen EU. Denn er erinnere sich noch an Zeiten vor der Etablierung der Antragsplattform, als die räumliche Entfernung von Brüssel sehr wohl eine Rolle gespielt hat. Mit den umfangreichen Projektbewerbungen in fünffacher Ausfertigung im Gepäck sei es oft per Flugzeug oder Auto in Richtung EU-Hauptstadt gegangen, um die Dokumente zur Sicherheit persönlich abzuliefern. Neben riesigen Mengen Treibhausgasreduktionen durch den Abbau der Flugmeilen würden jetzt auch Tonnen von Papier eingespart.
Kritikpunkte
Dennoch hat die österreichische Industriellenvereinigung (IV) noch ein paar Verbesserungswünsche: Die Zuteilung der Projekte dauere mit rund eineinhalb Jahren zu lange, der Aufwand für die Antragsteller müsse reduziert werden, sagt der zuständige Experte Roland Sommer. Der Anteil von Industrie und KMU liege derzeit mit rund 25 Prozent zu niedrig. Auch müsse gewährleistet werden, dass die Forschungsresultate in Innovationen münden und so wirtschaftliche Auswirkungen zeigen.
Volle Unterstützung erklärt Sommer mit Herlitschkas Initiative für mehr Vertrauen in die Antragssteller. Die 54 Milliarden für sieben Jahre seien zudem zu wenig, die IV verlange für das Nachfolgeprogramm doppelt so viel.
Klare Zustimmung kommt von Koch für die Forderung nach einer deutlichen Erhöhung der EU-Forschungsmittel. Allein die Strukturförderungen für Polen machten mit rund 60 Milliarden Euro über sieben Jahre mehr aus. Weniger begeistert ist er von der Forderung nach quantitativen Innovationsindikatoren, die ein Kri-terium für die Zuteilung der Gelder spielen sollen. Solche Vorgaben könnten nicht zuverlässig getroffen werden, weil positive Forschungsergebnisse nicht zu 100 Prozent garantiert werden können. Doch deutlich mehr als die Hälfte der Projekte brächten den gewünschten Erfolg und würde selbstverständlich auch verwertet: „Die Boku kann es sich nicht leis-ten, ihre Ergebnisse in die Schublade zu legen."
Wolfgang Tucek
WISSEN
Reichlich kompliziert wirkt der Aufbau des 7. Rahmenforschungsprogramms für Außenstehende.
Es gibt vier Säulen, die mit den Namen „Zusammenarbeit“, „Ideen“, „Menschen“ und „Kapazitäten“ versehen sind. Bis zum Herbst 2009 sind rund drei Viertel des Budgets in die erste Rubrik gegangen, die sich wiederum in zehn Unterbereiche aufteilt. Darunter befinden sich Gesundheit, Informationstechnologien, Energie, Verkehr, Weltraum und Sicherheit.
Experten macht diese Aufschlüsselung aber keine Probleme – im Gegenteil: Der Aufbau des 7. Rahmenprogramms sei „pragmatisch und übersichtlich“, findet Sabine Herlitschka von der FFG. Es handle sich vor allem gegenüber dem 6. Rahmenprogramm um eine sehr klare Struktur. Positiv sei auch die Laufzeit von erstmals sieben Jahren gegenüber vier Jahren bei den Vorläufern. Denn an die zwei Jahre dauere es schon, bis sich alle gut damit auskennen.
Bernhard Koch von der Boku hat einen schönen Vergleich auf Lager: „Es ist wie mit dem Fahrkartenautomaten der ÖBB. Wenn man ihn einmal verstanden hat, funktioniert er gut.“ Daher sei auch bei der Änderung der Struktur für das 8. Forschungsrahmenprogramm Vorsicht angezeigt. Alle müssten sich bei einer zu einschneidenden Umstellung wieder neu eingewöhnen.

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