Forschung und Innovation
15.04.2010
„Nicht in der Lehre untergehen“
Zu den Zielen der EU 2020 Strategie gehören eine verstärkte Forschungsförderung und mehr Hochschulabsolventen. Was erwarten Sie sich von dieser Ansage für die kommenden Jahre?
Mit dem 7. Forschungsrahmenprogramm hat die Europäische Kommission dem hohen Stellenwert der Grundlagenforschung Rechnung getragen. In der gesamten Laufzeit von 2007 bis 2013 werden mehr als 7,5 Milliarden Euro investiert, weiters wurde der Europäische Forschungsrat implementiert. Diesen Weg müssen wir auch im 8. Rahmenprogramm konsequent fortsetzen, also ein klares und deutliches „Ja" zu einer verstärkten Forschungsförderung auf europäischer Ebene, die mit jener auf nationaler Ebene Hand in Hand geht. Weiters ist es mir ein Anliegen, die Akademikerquote in Österreich zu steigern und ich begrüße daher europäischen Rückenwind.
Wie ist Österreich im EU-Vergleich positioniert und wie sieht es mit der internationalen Vernetzung aus?
Wir liegen bei der Forschungsquote in den EU-Top 3. Den aktuellen Zahlen der europäischen Statistikbehörde für das Jahr 2007 zufolge liegt Österreich mit 2,56 Prozent hinter Schweden und Finnland an dritter Stelle und deutlich über dem EU-Durchschnitt von 1,85 Prozent. Eine weitere Steigerung der österreichischen Forschungsquote zeichnet sich für die Jahre 2008 und 2009 ab. Internationale Vernetzung ist im Bereich der Forschung von großer Bedeutung. Das gilt es auf alle Fälle noch weiter zu forcieren.
Im Rahmen der Forschungsstrategie 2020 (auch FTI-Strategie genannt) des Bundes ist eine Veränderung der Governance-Struktur geplant. Welche Zuständigkeiten zeichnen sich hier ab?
Die Governance-Struktur umfasst weit mehr als „nur" die Zuständigkeit der Ministerien: Wie werden die öffentlichen Mittel zugeteilt, wie ist die Zusammenarbeit der Ressorts mit Förderagenturen und kommen die eingesetzten öffentlichen Mittel effizient und wirkungsorientiert dorthin, wo sie auch hinkommen sollen? Forschung ist eine Querschnittsmaterie und wird daher auch künftig mit verschiedenen Schwerpunkten in mehreren Minis-
terien beheimatet sein.
Wie stehen Sie dem Spannungsfeld Grundlagenforschung versus angewandte Forschung gegenüber?
Man darf nicht vergessen, dass die Grundlagenforschung die Basis für die angewandte Forschung ist und damit auch sehr wichtig für die Innovationen in unserem Land. Der Wissenschaftsfonds FWF und die Forschungsförderungsgesellschaft arbeiten in vielen Bereichen zusammen, um die Grundlagenforschung und die angewandte Forschung stärker zusammen-
zuführen. Hier gibt es etwa das Bridge-Projekt und das Programm Comet. Es gibt Einsteigerprojekte für Kleinunternehmen. Diesen Weg müssen wir fortsetzen.
Wie gleichen Sie die Lücken aus, die durch die Finanzkrise in den vergangenen 1,5 Jahren entstanden sind?
Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten müssen Mittel in Forschung und Innovation fließen. Das wurde auch im vergangenen Jahr beherzigt, denn sowohl von den Unternehmen als auch von der Öffentlichen Hand ist viel in die Forschung investiert worden. Wir stehen im europäischen Vergleich sehr gut da und haben uns eine gute Position erarbeitet, die wir halten müssen.
Wie steht es denn um die Einführung von Exzellenzclustern?
Das ist natürlich eine Frage des Budgets. Ich würde gerne Exzellenzcluster einführen, etwa auch im Bereich Geistes- und Sozialwissenschaften. Mir ist es ein großes Anliegen, auch hier die Forschung wieder stärker zu fördern, damit wir zu neuen, interessanten Forschungsoutputs kommen.
In welchen Forschungsbereichen ist Österreich derzeit besonders innovativ?
Wir sind zum Beispiel sehr gut aufgestellt in der Quantenphysik und der Biotechnologie bzw. den Life Sciences. Das sind sehr erfreuliche Entwicklungen, die wir auch weiter forcieren wollen, zum Beispiel mit unseren Investitionen in den Campus Bohrgasse.
Welche Anstrengungen setzen Sie im Hinblick auf Nachwuchswissenschaftler, die im Ausland mitunter bessere Bedingungen vorfinden?
Da haben Sie Recht, wir haben in Österreich sehr gute Wissenschafter und Forscher, die teilweise ins Ausland abwandern. Grundsätzlich ist die Mobilität in Wissenschaft und Forschung positiv, einige würden wir aber sehr gerne wieder zurückgewinnen. Deshalb ist es mir ein Anliegen, das von meinem Vorgänger Gio Hahn begonnene Projekt des Forschungsfinanzierungsgesetzes fortzusetzen. Damit soll für eine budgetäre Planbarkeit und Sicherheit im Forschungsbereich gesorgt werden, wodurch Forscher leichter an den Standort Österreich zurückkommen bzw. in Österreich bleiben.
Bisher war der Budgetrahmen immer auf kürzere Zeiträume ausgerichtet und dadurch natürlich immer mit Unsicherheiten behaftet. Und eines ist klar: Wenn hier die Öffentliche Hand Sicherheit bieten kann, dann haben wir einen großen Wettbewerbsvorteil.
Wie sieht derzeit das Verhältnis der Forschungsausgaben des Bundes und der Wirtschaft aus? Welche Perspektiven gibt es für die Zeit nach der Krise?
Man wird sehen, wie sich das weiterentwickelt. Mir ist generell die Zusammenarbeit zwischen Universitäten, außer-universitären Forschungseinrichtungen und der Wirtschaft sehr wichtig, weil hier alle Seiten stark voneinander profitieren. Betrachtet man etwa die Hochschulfinanzierung, so haben wir in Österreich die Tradition, dass der Großteil der Finanzierung durch die Öffentliche Hand erfolgt. Wir liegen im Moment bei 1,3 Prozent des BIP für den tertiären Bildungsbereich, 1,2 Prozent davon kommen von der Öffentlichen Hand. Sie sehen also: Nur 0,1 Prozent des BIP werden durch private Mittel finanziert, das ist im internationalen Vergleich sehr niedrig.
Bei der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Hochschulen gibt es noch viel zu tun – auch, um den Anteil der Förderung durch private Mittel zu steigern. Ein positives Beispiel ist die TU Graz: Hier wurden 2009 noch mehr Drittmittel lukriert als im Jahr davor. Es gibt also Steigerungspotenzial, wo man es in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht vermuten würde.
Sie wollen die Forschungspolitik und die Universitäten an die Spitze führen. Wie realistisch ist das angesichts der derzeitigen Situation an den Unis?
Wir haben teilweise Massenstudien an den Universitäten – da leiden sowohl Studierende als auch Lehrende. Neben der Lehre darf auch die Forschung nicht zu kurz kommen. Hier muss man die notwendigen Freiräume vor allem für die jungen Forscher schaffen, damit sie nicht in der Lehre untergehen. Außerdem geht es bei allen Forschungseinrichtungen da-rum, die Ergebnisse in gewissen Abständen zu evaluieren. Leistungskriterien spielen dabei eine wichtige Rolle, weil man sich im Wettbewerb mit den Besten messen muss. Als Wissenschafts- und Forschungsministerin bin ich auch den Steuerzahlern verantwortlich, und es ist auch meine Aufgabe, dass jeder Euro, der in den Bereich der Wissenschaft und Forschung fließt, effizient und wirkungsorientiert eingesetzt wird.
Gertraud Eibl

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