15.04.2010
Aufholjagd im Forschungs-Grand-Prix
Was die Zahlen betrifft, so ist Österreich auf einem guten Weg: Während die Forschungsquote Mitte der 1990er-Jahre noch bei knapp 1,5 Prozent des BIP lag, hat die Alpenrepublik in den letzten zehn Jahren ordentlich aufgeholt. Kompetitiver ist Österreich nicht zuletzt durch den EU-Beitritt geworden – die EU-Förderprogramme stärken sowohl den Innovationsgeist als auch den Wettbewerbsdruck. Nach den Maßstäben des European Innovation Scoreboard verfolgt Österreich nun das Ziel, von der Gruppe der Followers in die Top-Klasse der Innovation Leaders aufzusteigen. „Wenn wir diese Aufholjagd mit dem Radsport vergleichen, führen wir derzeit die Verfolgergruppe an", sagt Ingolf Schädler, Leiter des Bereichs Innovation im Infrastrukturministerium (BMVIT). Dem für 2010 angestrebten Ziel, drei Prozent des BIP für Forschungszwe-
cke aufzuwenden, hat die Wirtschaftskrise einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und damit dominieren der Kampf ums Geld und Diskussionen um eine sinnvolle Verteilung des Forschungsbudgets durch die Öffentliche Hand – ein Punkt, bei dem die Meinungen auseinander gehen.
Das magische Dreieck
Die Strategie für Forschung, Technologie und Innovation (FTI) der Bundesregierung wird sie ab Juni vorgeben, die Leitlinien der Forschungspolitik. Demnach soll Österreich bis 2020 ein Top-FTI-Standort werden. „Die Strategie setzt sich das Ziel, exzellenten Wissenschaftlern beste Karrierechancen zu bieten und innovative Forschungseinrichtungen sowie Unternehmen aus der ganzen Welt anzuziehen", erklärt Peter Kowalski, Leiter der Forschungssektion im Wissenschafts- und Forschungsministerium (BMWF). Das Dachziel ist ambitioniert: Vier Prozent des BIP sollen bis 2020 für Forschungsausgaben verwendet werden. Um das zu erreichen, will man leistungsfähige Strukturen als Basis exzellenter Forschung schaffen, österreichische Unternehmen unterstützen und eine maßgeschneiderte Förderungspolitik entwickeln.
Dazu gehört auch ein modernes Forschungsförderungsrecht. Vorhaben, die derzeit visionären Charakter haben. Die im Regierungsprogramm als Ziel festgehaltenen vier Prozent F&E-Quote seien allein jedoch nicht ausschlaggebend, vielmehr geht es Kowalski um die Relation im EU-Vergleich: „Wenn die Regierung gewisse Ziele verfolgt, wird sie entsprechende Maßnahmen setzen", weiß der Experte aus seiner langjährigen Erfahrung. Auch durch Organisationsreformen könne man Geld frei machen und dem Strategieprozess zuführen.
Interessant ist die FTI-Strategie auch insofern, weil alle strategischen Partner an einem Strang ziehen. Das Wissenschafts-, Infrastruktur-, Wirtschafts-, Finanz- und Unterrichtsministerium sowie das Bundeskanzleramt bekennen sich zum Magic Triangle, dem wissensbasierten Dreieck: Spitzenforschung, Innovationen und eine Top-Bildung sind die Eckpfeiler. „Begrüßenswert ist, dass zum ersten Mal auch Vertreter des Unterrichtsministeriums mit am Tisch sitzen", freut sich Schädler, der bei der Erarbeitung der Forschungsstrategie das BMVIT vertritt. Schließlich sei es kein Geheimnis, dass Bildung die Grundlage für Forscherneugier ist und der Forschergeist von klein auf gefördert werden muss – eine Angelegenheit, in der Österreich noch Aufholbedarf habe. Eines ist klar: Gelingt es, mit der FTI-Strategie 2020 tatsächlich eine längerfristige Planbarkeit für alle Beteiligten zu schaffen, so nimmt Österreich im EU-Vergleich eine Vorreiterrolle ein. Und hält nicht nur Tür und Tor für ausländische Top-Kräfte offen, sondern schafft auch die strukturelle und finanzielle Basis.
Die strategischen Leitlinien hat übrigens der Rat für Forschung und Technologieentwicklung in Zusammenarbeit mit den genannten Stellen entwickelt. „Wir haben für die Regierung eine Vision für das Jahr 2020 an den Himmel gemalt und sind überzeugt davon, dass diese erreichbar ist", sagt Ratsvorsitzender Knut Consemüller. Jetzt ginge es darum, die Strukturen anzupacken und das unglaubliche Potenzial an Humanressourcen zu heben. „Ich kann in Zeiten der Krise an fast allen Schrauben relativ kurzfristig drehen. Die einzige Schraube, die da nachhinkt, ist der Mensch", weiß Consemüller. Deshalb wäre es ein fataler Fehler, ausschließlich mehr Geld in die bestehenden Strukturen reinzupumpen. Das politische Commitment hat der Ratsvorsitzende jedenfalls.
Zukunft gestalten
Zu den ureigensten Aufgaben des Staates wird auch weiterhin die Investition in die Grundlagenforschung gehören. Auch wenn das bedeutet, dass die Ergebnisse nicht unmittelbar wirtschaftlich verwertbar sind. „Meistens kommen die bahnbrechenden Innovationen aus zunächst unabsehbaren Zusammenhängen", weiß Walter Pohl, Direktor des Instituts für Mittelalterforschung an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Der Wittgensteinpreisträger aus dem Jahr 2004 warnt vor einer Kürzung des Budgets für die Grundlagenforschung. Wenn auch die Auswirkungen nicht unmittelbar spürbar wären, hätte das Land nach fünf bis zehn Jahren seine Innovationskraft verloren. Das Beispiel Osteuropa vor der Wende habe gezeigt, dass es ohne Grundlagenforschung keine Innovationen gibt. Denn der angewandten Forschung würde schlichtweg die Basis fehlen. Und zwei Dinge dürfe man nicht vergessen: „Gerade die besten Leute sind die mobilsten. Sie wandern ab, wenn es zu wenig Geld für Forschung gibt. Außerdem verliert man in der Wissenschaft rasch eine ganze Nachwuchsgeneration und verspielt damit Zukunftspotenzial", fasst Pohl zusammen. Er bedauert, dass es im Moment leichter ist, naturwissenschaftliche Forschung zu rechtfertigen als geisteswissenschaftliche. Dabei gäbe es eine ganze Latte an geisteswissenschaftlichen Fragestellungen, die unsere Gesellschaft künftig noch intensiv beschäftigen würden. Bei vollem Bekenntnis zur Grundlagenforschung dürfe man aber nicht vergessen, dass die Prozesse und Produktlebenszyklen immer schneller werden und auch die angewandte Forschung rasch darauf reagieren müsse, sagt Henrietta Egerth, Geschäftsführerin der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG). „Wenn wir nicht immer die Nase vorne haben, werden österreichische Unternehmen nicht überleben können", gibt Egerth zu bedenken.
Brücken schlagen
Die Diskussion um die Förderungswürdigkeit der Grundlagen- bzw. der angewandten Forschung ist in Zeiten knapper Mittel Thema. Ein überholtes allerdings, denn beide Ausrichtungen brauchen einander und werden in verschiedenen Projekten bereits erfolgreich verknüpft. Dafür sorgen nicht zuletzt die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und der Wissenschaftsfonds (FWF). „In den 90er Jahren hat man in Österreich erkannt, dass es eine Kluft zwischen dem Elfenbeinturm Uni und den Unternehmen gibt", sagt die FFG-Geschäftsführerin. Deshalb habe man verschiedene Programme aufgelegt, die eine Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft bilden: Bridge, Comet und Coin sind Programme, die auf eine Überleitung der Ergebnisse aus der Grundlagenforschung in die angewandte Forschung abzielen – mit europäischem Modellcharakter. Das AplusB-Programm, bei dem es um Gründerzentren an Universitäten geht, wurde vom Vorbild Schweden sogar eins zu eins kopiert. Egerth verwehrt sich aber gegen die Aussage, dass in den letzten Jahren nur die angewandte Forschung profitiert habe: „Auch die Unternehmen brauchen einen Anreiz, um zu investieren. Es kann nicht sein, dass sie leisten und das volle Risiko tragen sollen." Etwa 7,5 Mrd. Euro werden von österreichischen Einheiten für Forschung und Entwicklung ausgegeben, davon trägt die Öffentliche Hand 2,5 Mrd. Euro, den Rest zahlen die Unternehmen. „Das entspricht einem Verhältnis von einem Drittel zu zwei Drittel", erklärt Egerth.
Gerhard Riemer von der Industriellenvereinigung (IV) begründet die Grabenkämpfe zwischen den Forschungsbereichen so, dass es in einer Krisensituation eben unterschiedliche Zugänge gibt. Jener der IV sieht naturgemäß so aus, dass die Unternehmen im internationalen Standortwettbewerb unterstützt und dadurch Innovationsfähigkeit und Beschäftigung angekurbelt werden. „Wissenschaft und Grundlagenforschung sind wichtig für langfristige Outputs, die wir sehr schätzen und unterstützen. Trotzdem haben viele Wissenschaftler keine Ahnung, wie es in der Wirtschaft heute wirklich zugeht. Das macht mir ein bisschen Sorgen, denn die Wettbewerbskarten werden neu verteilt", ist Riemer überzeugt.
Vorreiter Österreich
So negativ dieses Szenario auch wirken mag: Mit durchdachten Strategien und einem klaren Bekenntnis zur Forschungsförderung lässt sich hierzulande auf einer breiten Basis aufbauen. In manchen Sektoren hat Österreich im europäischen Vergleich sogar die Nase vorne: In der Verkehrstechnologie, der Mobilitätsforschung und in speziellen Kernbereichen des Energiesektors etwa. „Derzeit beschäftigen wir uns nicht mehr mit dem energiesparenden, sondern dem energieproduzierenden Haus", verrät Innovationsexperte Schädler.
Nicht zu vergessen sind die Biotech- und die Nanotechnologieszene sowie die starke IT-Expertise in Österreich. Während die Zuständigkeiten für die Bereiche Energie, Verkehr, IT, Nanotechnologie sowie Luft- und Raumfahrt im BMVIT angesiedelt sind, ist das BMWF neben der Grundlagenforschung im universitären und außeruniversitären Bereich zuständig für die Biotechnologie und die Life Sciences. Die großen Forschungsthemen ergeben sich zumeist aus dem internationalen und europäischen Wettbewerb, doch manchmal setzt Österreich bewusst auf Bereiche, die in der EU nicht en vogue sind. Bewährt hat sich das etwa bei der Passivhausentwicklung.
Das Kreuz mit der Exzellenz
Etabliert hat sich bereits die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Forschungsinstituten in Form von Forschungsclustern, etwa in der Automobilindustrie und der Biotechnologie. Auf der Strecke bleiben noch die wissenschaftsbasierten Exzellenzcluster, deren Konzepte in der Schublade liegen. Schuld daran ist das nicht vorhandene bzw. dafür nicht lo-cker gemachte Geld. „Im Jahr 2008 haben wir ein Instrumentarium entwickelt, das den forschungsstärksten Universitäten ermöglicht, in international kompetitiven Bereichen Exzellenzcluster aufzubauen", erklärt Christoph Kratky, Präsident des FWF. Derartige Exzellenzcluster könnten zwischen dem gut aufgestellten Institute of Science and Technology Austria und den Universitäten eine gewisse Waffengleichheit schaffen.
Weil aber das geplante halbe Dutzend Forschungsclus-ter zusätzliche 50 bis 60 Millionen Euro kosten würde, ist die Idee angesichts des gegenwärtig reduzierten Normalbudgets des FWF eingefroren. „Eine Reduktion der Exzellenzcluster ist nicht möglich, dann gäbe es keinen Wettbewerb. Außerdem würde der Eindruck entstehen, dass es sich um eine geschobene Geschichte handelt", sagt Kratky.
Ihn schmerzt nach der Krisensituation im vergangenen Jahr – der FWF konnte vier Monate lang keines der förderungswürdigen Projekte genehmigen – die gegenwärtige Festschreibung auf ein konstantes Budget. „Das spiegelt in keiner Weise den Bedarf wider", kritisiert der Präsident. Geht es nach der FTI-Strategie, so kann Kratky bald aufatmen. Denn ein künftiger Innovation Leader wird auch seine Exzellenzen nicht vernachlässigen. „Der Kampf um den Standort und die besten Köpfe ist sehr groß", gibt Kowalski zu bedenken. Deshalb müsse Österreich in der Exzellenzförderung ein spezifisches Feld einnehmen. „Diese Exzellenzcluster müssen erkennbare Leuchttürme sein, sonst geraten wir in einen Wettbewerbsnachteil", resümiert der BMWF-Sektionschef.
Schnittstellenmanagement
An den Schnittstellen im Wissensdreieck Forschung zu arbeiten, wird das Leitmotiv in den kommenden Jahren sein. Die FTI-Strategie forciert in diesem Zusammenhang große, übergreifende Themen anstelle der bisher enger zugeschnittenen Programme. Dies soll einen größeren Spielraum für Innovationen öffnen. Außerdem zielt die Strategie auf einen ausgeglichenen Mix von direkter und indirekter (steuerlicher) Forschungsförderung ab. Auch das Verhältnis von bottom-up-getriebener und top-down-gesteuerter Förderung ist weiterhin Thema. Erstere wendet sich vor allem an die Grundlagenforschung, zweite an die wirtschaftsbasierte, missions-orientierte Forschung, die vorgegebenen Themen und somit gewissen „Missionen" folgt. „Es wird darum gehen, dass sich verschiedene Einrichtungen zusammentun, um die Ziele zu erreichen", erläutert Schädler. Intern erfordere das eine stärkere Zusammenarbeit der Ministerien.
Österreich wird es sich als Hochlohnland jedenfalls nicht leisten können, sich im Bereich der Grundlagenforschung an den Ergebnissen anderer Länder zu bedienen. Denn gut zu sein, reicht schon längst nicht mehr. „Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern auch in der Wissenschaft fressen die Schnellen die Langsamen", bringt Consemüller die Sache auf den Punkt. Welches Potenzial im Forschungsstandort Österreich steckt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Die Weichen sind bald gelegt: Im Juni soll die FTI-Strategie den Startschuss geben.
Gertraud Eibl

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