14.05.2010
Riskante Pillen per Mausklick
Die minderwertigen Imitate haben oft gar keine oder eine falsche
Wirkung. Ihre Umsätze übertreffen aber mittlerweile jene des
illegalen Drogenhandels. Öffentliche Hand und Pharmaindustrie
wollen die gefährlichen Produktpiraten nun auf die Insel schicken.
Von der Pizza bis zum Eigenheim, vom Karibikurlaub bis zum Designer-Shirt im virtuellen Raum lassen sich Produkte aus allen Lebensbereichen bestellen, bezahlen und bequem in die reale Welt liefern. Eine Ausnahme gibt es jedoch: Der Online-Verkauf von Medikamenten ist strikt verboten. Zumindest in Österreich. Die strenge Handhabung in der Alpenrepublik steht liberalen Ansätzen in vielen anderen europäischen Ländern wie Deutschland, England oder Schweden gegenüber.
Weltweit betrachtet nimmt der illegale Vertrieb von rezeptflichtigen Arzneimitteln jedenfalls konstant zu. Wie riskant die „Online-Schnäppchen“ sein können, zeigen Angaben der österreichischen Arzneimittelagentur (Ages Pharmmed): 593 illegale Medikamente wurden 2009 im Arzneimittelkontrolllabor getestet, davon wurden 441 als gesundheitsgefährdend eingestuft. „Im besten Fall zeigen die Produktfälschungen keine Wirkung.
Doch auch dies ist problematisch, wenn Patienten dadurch auf die Einnahme von wirkungsvollen Medikamenten verzichten“, sagt Harald Glatz aus der Abteilung Konsumentenpolitik in der Arbeiterkammer (AK) Wien.
Der Handel mit Medikamenten-Plagiaten ist jedenfalls ein lukratives Geschäft. Rund 15 Prozent des Welthandels entfallen auf diesen kriminellen Sektor, der damit sogar die Suchtgiftkriminalität übertrifft. Laut Berichten der EU-Kommission wurden 2009 innerhalb von zwei Monaten rund 34 Millionen gefälschte Pillen an den europäischen Grenzen beschlagnahmt. Der Produktpirateriebericht 2009 des Finanzministeriums (BMF) bestätigt das Problem: Auch hier sind es gefälschte Arzneimittel, die mit über 27.000 Artikeln die Statistik der vom Zoll aufgegriffenen Plagiate anführt.
„Wie schon in den Vorjahren handelt es sich bei den Produkten hauptsächlich um Potenzpillen, Diätpräparate und Schönheitsmittel“, so Peter Herold vom Zollamt Klagenfurt Villach. „Wir haben es hier mit organisierter Kriminalität zu tun, die das Internet als ihren Hauptvertriebsweg gewählt hat“, sagt Alexander Hönel, Leiter der Ages-Medizinmarktüberwachung. Die Unkontrollierbarkeit der virtuellen Verkaufswelt stellt das größte Problem dar. „Ohne das Mitwirken von aufgeklärten und verantwortungsbewussten Bürgern stehen wir auf verlorenem Posten“, so Hönel.
Blauäugige Konsumenten
Der Konsument scheint dem Medium Internet dennoch großes Vertrauen entgegenzubringen. Das sagt zumindest eine Untersuchung des weltweit größten Pharmaherstellers Pfizer. Im Rahmen der Studie, an der 14.000 Europäer (darunter 1.000 Österreicher) teilgenommen haben, gaben 17 Prozent der Österreicher an, dass sie verschreibungspflichtige Medikamente über das Internet bestellen würden, sechs Prozent davon antworten auf sogenannte Spam-Mails. Als Grund für den Online-Einkauf wurden Bequemlichkeit und Anonymität genannt, auch der meist günstigere Preis spielt eine entscheidende Rolle.
„Es ist zwar ein großes Risikobewusstsein zu beobachten, dennoch würden 20 Prozent der Befragten ein Produkt auch dann noch kaufen, wenn sie wüssten, dass es gefälscht sein könnte“, so Robin Rumler, Geschäftsführer von Pfizer Österreich und seit kurzem Präsident des Interessensverbandes Pharmig. Pfizer ist von den Pillenfälschern besonders betroffen, schließlich gilt das hauseigene Potenzmittel Viagra unter den Medikamentenbetrügern als Alltime-Favorite. Wie viele aus eigener Erfahrung wissen, wird mit unzähligen Spam-Mails tagtäglich versucht, die gefälschte Lustpille an den Mann zu bringen.
Verstärkte Aufklärung und Kontrolle
Ages-Leiter Marcus Müllner betont, dass sich Konsumenten schwer tun würden, das Risiko abzuschätzen, das mit einem Internetkauf verbunden ist: „Die fehlenden Inhaltsstoffe, Verunreinigun-gen und falsche Dosierungen können schwere Nebenwirkungen verursachen und sogar zum Tod führen.“ Um das Bewusstsein in der Bevölkerung zu steigern, setzt man deshalb nun verstärkt auf Information. Unter dem Motto „Gemeinsam gegen Arzneimittelfälschungen“ will man zusammen mit dem Gesundheitsministerium über die Gefahren, die vom Arzneimittelkauf im Internet ausgehen können, aufgeklären. An einem Infotag im April präsentierten Polizei, Zoll, Pharma-
industrie und Apotheker ihre Maßnah-men.
Ein neues Risikoerkennungstool auf der Website des Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesen (Basg) stand dabei im Vordergrund. Neben Infos über gefälschte Medikamente kann man dort einen sogenannten Risikodetektor abrufen. Das ist ein Fragebogen, der dem Endverbraucher helfen soll, die Gefahr eines erworbenen Produktes richtig einzuschätzen.Eine eigene Schwerpunktaktion startete die Exekutive Ende des vergangenen Jahres unter dem Namen „Pangea“: Interpol, Polizei, Zoll und Arzneimittelbehörden aus 25 Staaten arbeiteten zusammen, um Websites ausfindig zu machen, über die Fälschungen vertrieben werden. Insgesamt konnte man 1.200 verdächtige Websites identifizieren, 2.356 Pakete mit verbotenem oder gefälschtem Inhalt wurden beschlagnahmt und 59 verdächtige Personen ausfindig gemacht.
Gesundheitsminister Alois Stöger schickte außerdem Ende April das neue Arzneiwareneinfuhrgesetz in Begutachtung. Dieses sieht vor, dass im Basg zukünftig alle nach Österreich eingeführten Medikamente gemeldet und bewilligt werden müssen.
Das Sicherheitsnetz
Der österreichische Medikamentenmarkt gilt schon jetzt als relativ sicher. Zumindest sind laut Ages bisher keine Fälle bekannt, in denen gefälschte Produkte in den legalen Verkauf der Apotheken gelangt wären. Als Grund dafür gilt das enge Netzwerk aus Herstellern, Vertrieben, Großhändlern und Apotheken, das einer strengen behördlichen Kontrolle unterliegt. „Ein überschaubarer Markt wie Österreich macht es potenziellen Fälschern extrem schwer, in die offizielle Vertriebskette einzudringen“, erklärt
Pharmig-Generalsekretär Jan Oliver Huber.
Um Arzneimittel fälschungssicher zu machen, betreibt die Pharmaindustrie großen Aufwand: Von Hologrammen, fluoriszierenden Pigmeten bis hin zu DNA-Etiketten – die Verpackungen sind mittlerweile fast schon so ausgerüstet wie Geldscheine. Angaben über Wirkstoffstärke, Dosierung, Chargennummer und Zulassungsinhaber und eine beiliegende Gebrauchsinfo sind überdies Indikatoren für Originalware. „Derzeit sind Nachbauten oft sehr plump gemacht und an falsch geschriebenen Firmen- oder Produktnamen zu erkennen“, sagt Martin Steinhart, medizinischer Direktor bei Roche Austria.
„Österreich ist von der internationalen Fälschungswelle deutlich weniger betroffen als viele andere Länder, weil der Internetversand von Medikamenten nicht erlaubt ist“, sagt Heinrich Burggasser, Präsident der Apothekerkammer. Trotzdem steigt im Pharmabereich die Nachfrage der Patienten, Produkte bequem von zu Hause aus zu bestellen. Experten glauben allerdings nicht, dass ein Eingehen auf dieses Kundenbedürfnis und eine Lockerung der Vertriebsbestimmungen das Problem der illegalen Online-Käufe entschärfen wird. Alexander Hönel von der Ages: „Als in England die Internet-Apotheke legalisiert wurde, sind nach kurzer Zeit in deren Schatten illegale Apotheken aufgetaucht, die der Konsument nicht mehr von legalen unterscheiden konnte.“
Internationale Zusammenarbeit
Experten erwarten, dass der weltweite Umsatz aus gefälschten Arzneimitteln heuer bei 75 Milliarden US-Dollar liegen wird. Vor allem in Länder ohne Arzneimittelüberwachung ist die Verbreitung der Fälschungen enorm. In Nigeria liegt der Anteil von unechten Medikamenten z. B. bei 80 Prozent. Diese alarmierenden Zahlen ließ die WHO 2006 die International Medical Products Anti-Counterfeiting Taskforce (Impact) gründen. Ziel der Einheit ist es u. a., internationale Kooperationen zwischen Ländern und Vertriebspartnern zu fördern, Wissensaustausch zu erleichtern und maßgeschneiderte nationale Strategien zu fördern.
Sogenannte Local Anti-Counterfeit Manager stehen dabei in ständigem Kontakt mit Kollegen aus anderen Ländern, der Zentrale, aber auch mit nationalen Behörden. Auch auf EU-Ebene arbeitet man bereits an Sicherheitsmerkmalen: Damit wollen die Beamten dann den Weg jeder Packung vom Hersteller zum Apotheker rückverfolgen können. Annette Merten von Bayer Austria: „Da tut sich gerade sehr viel. Man erwartet, dass das Europäische Parlament noch 2010 darüber abstimmt.“

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