14.05.2010
„Jammern auf hohem Niveau“
Das Trompeten der Elefanten, die Morgengesänge der Gibbons und das Heulkonzert der Wölfe, das immer beim Glo-ckenschlag der Hietzinger Kirche einsetzt – Tiergarten-Chefin Dagmar Schratter hat wohl das Büro mit der aufregendsten Geräuschkulisse Österreichs.
Von der Wirtschaftskrise bekommen die Bewohner des ältesten Zoos der Welt nichts mit, sehr wohl aber die Tiergartenleitung – Besucherzahlen über zwei Millionen hin, blendender Ruf her.
„Wir merken die ökonomische Lage weniger am Andrang als an den Großsponsoren“, sagt die Zoologin. Viele Firmen setzen derzeit aus, andere schließen Verträge nur mehr für ein Jahr ab. Den Sparstift der Öffentlichen Hand spürt sie bei Bauprojekten, für die das Wirtschaftsministerium aufkommt. „Wir können zwar alle laufenden Projekte weiterbauen, neue sind derzeit aber eingefroren. Giraffen und Eisbären müssen also noch auf modernere Anlagen warten. Und den Umbau des historischen Affenhauses finanzieren wir zum Teil selber.“
Da kommen Mehreinnahmen durch eine ordentliche Erhöhung der Eintrittspreise gerade recht: Seit 2009 zahlt ein Erwachsener 14 statt 12 Euro. „Immerhin sind die Preise sechs Jahre lang gleich geblieben“, rechtfertigt Schratter diesen Anstieg und verweist auf die allgemeine Teuerung. „Außerdem bekommt der Besucher mehr denn je geboten.“ Schließlich hätten sich auch die Betriebskosten durch die neuen Attraktionen stark erhöht.
„Ein Regenwaldhaus kommt nun einmal teurer als die Bärenfamilie, die sich vorher dort befand.“ Dass die teureren Tickets Besucher verscheuchen und am Rückgang von 40.000 Personen im Jahr 2009 schuld ist, glaubt Schratter nicht. „Das Wetter spielt hier eine größere Rolle: Ein Zoo ist nun einmal eher ein Schönwetterprogramm. Und solange wir über zwei Millionen Besucher haben, jammern wir ohnehin auf hohem Niveau.“
Unwägbarkeiten
Gegen das Wetter ist Schratter ebenso machtlos wie gegen die zweite Einflussgröße der Besucherzahl: die Jungtiere. Es dürfte kein Zufall sein, dass es im Rekordjahr 2008, als 2,5 Millionen Besucher kamen, gleichzeitig Nachwuchs bei den Pandas, Eisbären, Tigern und Robben gab. Damit kann die aktuelle Brut der Erdmännchen, Kattas, Gibbons und Bisons natürlich nicht mithalten. Was wann zu züchten ist, entscheidet aber nicht die Tiergarten-Chefin.
„Bei den gefährdeten Tierarten bestimmt das ein internationaler Zuchtkoordinator.“ Und bis der grünes Licht gibt, bekommt manches Weibchen notfalls auch die „Pille“ verabreicht. Die Pandadame ist jedenfalls nicht dabei. „Wir sind guter Hoffnung, dass sie schon wieder guter Hoffnung ist“, sagt Schratter. Wobei ein Pandajunges zwar viele Besucher anlockt, aber auch teuer kommt. Denn die Bambusliebhaber sind meist nur geliehen und der Zoo zahlt hohe Artenschutzbeträge für sie – auch bei etwaigem Nachwuchs.
Neue Lockmittel
Um von exotischen Tierbabys etwas unabhängiger zu werden, setzt man etwa auf den Naturerlebnispfad: Ein Erlebniswanderweg führt teilweise durch die Baumkronen und lockt mit vom Aussterben bedrohten Haustierarten und Aquarien mit heimischen Fischen. Der zweite große Hoffnungsträger ist die Südamerikaanlage, die im Juni eröffnet wird. Dort sollen Ameisenbär, Wasserschwein, Tapir und Co. in einer Art Wohngemeinschaft zusammenleben.
Weitere Umsiedlungsaktionen sind ebenfalls geplant. „In unseren historischen Häusern haben wir nun einmal wenig Platz, aber man kann sich bei der Wahl der Tiere danach richten“, sagt Hermann Fast, im Tierpark zuständig für Projektentwicklung, Planung und Bau. Das kommt auch beim alten Affenhaus zum Tragen. Die Orang-Utans waren zu groß dafür und wurden bereits übersiedelt. Nach der Renovierung werden kleinere Affen darin wohnen.
Eine neue Geschäftsidee sind die „Förderer-Steine“: Für 160 Euro kann man seinen Namen in Stein verewigen lassen. Extrageld kommt auch durch Angebote wie Workshops gegen Spinnenangst oder Kinderüberraschungspartys in die Kassa. Der Erlös kommt dann überwiegend Artenschutzprojekten zugute.
Wie man merkt: Wenn es darum geht, zusätzliche Einnahmen zu lukrieren, ist Schratter äußerst erfinderisch. Dennoch glaubt sie, dass schwarze Zahlen, wie sie das Unternehmen dreimal schrieb, die Ausnahme bleiben. „Ein Tiergarten ist im Grunde ein Zuschussbetrieb, genauso wie jede andere kulturelle Einrichtung“, so Schratter.
Expertise
Renate Meyer von Institut für Public Management der WU Wien nennt den Wiener Zoo „auf jeden Fall eines der erfolgreicheren Ausgliederungsbeispiele. Das sieht man dem Tiergarten einfach an. Sowohl die Besucher als auch die Tiere merken den Unterschied.“
Eines bemängelt sie allerdings: „Auf dem Internetportal fehlt der Geschäftsbericht. Hier würde ich mir mehr Transparenz wünschen.“ „Wir sind leider im Verzug und arbeiten immer noch am Jahresbericht 2008 und 2009“, sagt Schratter. Sobald der fertig sei, so verspricht sie, komme er sofort auf das – erst kürzlich modernisierte – Internetportal zoovienna.at.

Werbung




Drucken
Empfehlen
Kommentieren
Share


