13.07.2010
Wie das Wirtshaus zum Bildungsort wurde
Lebenslanges Lernen schmackhaft. Im Kärntner Hermagor lernt man neuerdings im Gasthaus – und Senioren erhalten IT-Einführungsunterricht.
Text
Ursula Horvath
Warum zersetzt sich Kaffeeschaum anders als Bierschaum? In der Region Hermagor in Kärnten werden solche Fragen anhand von wissenschaftlichen Experimenten im Wirtshaus – genannt „Science-Pub” – beantwortet: Auf einigen Tischen können dort neuerdings die Gäste Experimenten beiwohnen – egal ob sie extra zur Veranstaltung oder zufällig ins Wirtshaus kommen.
„Wir wollen Denkanstöße an Orten geben, wo man das nicht vermutet“, sagt Projektleiter Reinhard Schinner. Er ist im Amt der Kärntner Landesregierung für das Projekt „Lernende Regionen“ zuständig. Die Idee dahinter: Lebenslanges Lernen soll sich auch im ländlichen Raum durchsetzen und vor allem in die breite Masse gehen. Dazu ist es nötig, Bildungsinstitutionen zu vernetzten und neue, zielgruppenspezifische Angebote zu schaffen. Finanziert wird die Lernende Region Hermagor aus verschiedenen Landestöpfen und aus Mitteln von vier Ministerien (BMASK, BMWF, BMLFUW, BMUKK).
Alltagstechniken vermitteln
In Kärnten forciert man die Themen Naturwissenschaft, Technik und Soziales Lernen. Vor allem die Jungen und die Alten sollen sich dafür begeistern. Bei den Senioren setzt man z.B. auf Kurse mit den Titeln „Was kann mein Handy“ oder „Wie funktioniert eine Digitalkamera”, um Alltagstechniken zu vermitteln. „Wir sind gleich auf die Projektebene gegangen. Andere Regionen arbeiten eher im strategischen Bereich oder helfen bei der Koordination von Bildungseinrichtungen vor Ort“, so Schinner.
Lernende Regionen gibt es nämlich nicht nur im südlichsten Bundesland. Mittlerweile sind insgesamt 37 Regionen aus ganz Österreich mit an Bord. Für die Umsetzung ist in erster Linie das Lebensministerium (BMLFUW) zuständig. Denn die Fördermaßnahme ist ein Teil des Programms zur Entwicklung im ländlichen Raum. „In diesen Gebieten sollten sich zuerst alle vernetzen. Die Akteure sind bunt gemischt – das reicht von der Musikschule über das Bildungswerk bis zum Roten Kreuz, das einen Erste-Hilfe-Kurs anbietet“, sagt Josef Resch, Leiter der BMLFUW-Abteilung für Schule, Erwachsenenbildung und Beratung. Er ist bundesweit für das Programm zuständig und wickelt die Verteilung der Fördergelder ab.
„Langfristig sollen die Angebote zu Selbstläufern werden und ohne Förderungen auskommen“, sagt Martin Heintel von der Uni Wien. Der Professor am Institut für Geographie und Regionalforschung ist in Kärnten auch als wissenschaftlicher Experte mit dabei und macht die Evaluierung. Die Idee, neue Lernorte in Wirtshäusern zu kreieren, hält er für ambitioniert: „Man darf nicht vergessen, dass wir hier von sensiblen, peripheren Regionen sprechen. Viele Menschen sind nicht mobil.“ Und weil viele nicht einfach in die nächs-te Stadt zum Volkshochschulkurs fahren können, wird in den Lernenden Regionen eben die Bildung zu den Menschen gebracht.

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