13.07.2010
Neue Aussichten
eher bescheidene Einnahmen: Auf diese Kurzformel lässt sich die Situation des Wien Museums bringen. REPUBLIK wollte die Gründe dafür wissen.
Text
Andrea Krieger
Man könnte Christian Kirchers Ausblick glatt für eine Fototapete halten. Aber nein, die Karlskirche und der riesige Brunnen mit der Henry-Moore-Plastik sind tatsächlich in Greifweite. Wie lange der Finanzchef des Wien Museums diese Postkarten-Aussicht aus seinem Büro noch genießen kann, weiß Kircher allerdings nicht. Es soll nämlich – das ist auch keine schlechte Perspektive – bald ein neues Haus gebaut werden.
Und das trotz Krise, die auch am Stadtmuseum nicht ganz spurlos vorüber geht. Das größte Problem sind die Sponsoren. „In den besten Zeiten bekamen wir jährlich bis zu 300.000 Euro, derzeit sind es gerade einmal 180.000“, klagt Kircher. Und weitere finanzielle Belastungen sind unausweichlich. Unter 19-Jährige zahlen nämlich keinen Eintritt mehr, so will es der Gesetzgeber.
Dafür stimmen die Besucherzahlen. Und das ist für ein Museum wohl ein zentraler Punkt. „Wir hatten 2009 sogar unser zweitbestes Jahr seit der Ausgliederung“, sagt Kircher. Schauen wie „Der Kampf um die Stadt“ oder „Der Schmuck der Wiener Werkstätten“ lockten stolze 381.153 Besucher in das Haus am Resselpark und seine vielen Dependancen – und brachten ein breites und positives Medienecho. Das Wien Museum lag laut österreichweiter Besucherstatistik 2009 am fünften Platz. Nur das Kunsthistorische (KHM), das Belvedere, die Albertina und das Naturhistorische Museum sind besser besucht. Für ein Landesmuseum eine beachtliche Leistung.
Zuschussbetrieb
Das ändert allerdings nichts daran, dass die Einnahmen aus den Tickets nur einen kleinen Bruchteil dessen wettmachen, was der Museumsbetrieb kostet. Im Vergleich mit anderen Häusern hat das Wien Museum mit regulären sechs Euro pro Person einen recht günstigen Eintrittspreis. Das Leopold Museum verlangt elf und das KHM gar zwölf Euro pro Mann und Nase. Inklusive Sponsoring, den Shopverkäufen, den Leih- und Bildrechten erwirtschaftet das Haus 15 Prozent selbst, den Rest von 12 Millionen jährlich schießt die Stadt Wien zu. Der Finanzchef nimmt´s gelassen: „Mit einer Eigende-ckungsquote von 15 Prozent liegen wir im Vergleich zu anderen Landesmuseen relativ gut.“
Der Kunst- und Kulturökonom Peter Tschmuck urteilt anders: „Eine überragende Quote ist das nicht. Die Bundesmuseen bringen es auf knapp über 20 Prozent. Und die Österreichische Galerie Belvedere erwirtschaftet sogar die Hälfte selber.“ Kircher verweist in diesem Zusammenhang auf den großen Unterschied mit der kostenintensiven Sammlungspflege. „Wir haben mit 900.000 Objekten eine der größten Sammlungen Österreichs, die Galerie Belvedere dagegen nur 8.000. Außerdem haben wir 19 Standorte, an denen 200 Personen arbeiten. Dadurch geht die Hälfte unseres Jahresbudgets von etwa 14 Millionen allein für das Personal auf.“ Hinzu komme der Bildungsauftrag. „Eine Ausstellung über Armut ist nun einmal nicht automatisch ein Renner“, so Kircher.
12 Millionen von der Stadt Wien
Auch das Wien Museum droht ärmer zu werden – zumindest an Subventionen. So wurden die 12 Millionen Euro, welche die Stadt Wien jährlich springen lässt, 2008 angesichts der guten Einwicklung der Eintrittserlöse eingefroren. Und selbst diese Summe ist nicht in Stein gemeißelt. Der kommenden Wien-Wahl wird deswegen mit einer leichten Nervosität entgegen gesehen.
Für Kircher stellt sich die Frage: Wie kann der Kulturbetrieb mehr Geld verdienen, ohne die Eintrittspreise, die ja sozial verträglich bleiben sollen, in die Höhe zu schnalzen? Der Finanzvorstand will das Leihgeschäft forcieren. Sammlungsstücke sollen verstärkt anderen Museen bzw. zu Forschungszwecken angeboten werden und vor allem: zu höheren Preisen als bisher. „Viele Häuser sind bereit, für eine Klimt-Bild sehr viel Geld zu zahlen. Und wir haben eine riesige Klimt- und Schiele Sammlung.“ Weiters hofft Kircher auf zusätzliche Schenkungen. Diesbezüglich sei es wichtig, dass „der Verein der Freunde des Wien Museums, der binnen vier Jahren von 200 auf 700 Mitglieder angewachsen ist, noch größer wird.“
Bereits gestrichen wurde der sonntägliche freie Eintritt. „Dadurch gelang es uns, den Verlust, der durch den freien Eintritt für Jugendliche entstanden ist, auf 15.000 Euro jährlich zu kompensieren.“ Erwachsene kommen dafür nur mehr einen Sonntag monatlich ohne Ticket ins Museum. „Dafür sind jetzt die Sonderausstellungen inkludiert, während der freie Eintritt früher nur für die Dauerausstellung galt“, so Kircher.
Besagte permanente Schau ist nicht am neuesten Stand. „Die ist tatsächlich veraltet und abgespielt“, bekennt Kircher freimütig. „Da zeigen wir seit 30 Jahren dasselbe.“ Ein Konzept für die Adaptierung liege fertig in der Lade, man warte nur noch auf den Umzug. Denn der schlichte 50er-Jahre-Bau am Resselpark platzt aus allen Nähten und muss außerdem dringend saniert werden.
Neubau-Konzepte
Die neue Herberge soll alle Stückerln spielen. Wolfgang Kos, seit der Ausgliederung 2002 künstlerischer Direktor, spricht von einem „Projekt mit internationaler Dimension. Nach über hundert Jahren soll das Wien Museum eine adäquate Bühne bekommen, um in einem attraktiven Bau in zentraler Lage seine Stärken ausspielen zu können.“ Derzeit wird heftig am Konzept getüftelt. „Es geht darum, das Museum und seine Aufgaben neu zu denken und zukunftsweisende Aspekte vorzulegen“, so Kos. Nach den Wien-Wahlen im Herbst wird entschieden, was es der Stadt Wien kosten darf und wo gebaut wird.
Im Gespräch sind mehrere Optionen: eine Donaukanal- bzw. Gürtel-Überbauung ist ebenso möglich wie ein Standort am Schwedenplatz bzw. Morzinplatz oder beim Hauptbahnhof. Auch eine neue Adresse auf dem – allerdings erweiterten – Karlsplatz ist nicht ausgeschlossen. Kircher darf also auf seine neue Aussicht gespannt sein.

Werbung




Drucken
Empfehlen
Kommentieren
Share


